alt werden oder alt sein

 

Alter

Von Ruth Sara Meyer

 

Ihre Grosseltern wohnten bei ihr im Haus. Sie sassen, immer sassen sie: Vor dem Haus an der Sonne, unter dem Apfelbaum im Schatten, im Stübchen beim Eile mit Weile spielen, am Fenster und beim Gemüse rüsten. Nie gingen sie spazieren. Nie haben sie einen Ausflug gemacht. Sie waren alt. Unvergessen die Bemerkung «Wie der Maler Wüst von Grässlikon», wenn die Grossmutter ihre ersten Zeichnungen begutachtete, unvergessen das gemeinsame Lachen darüber. Sie lachten noch zusammen, als die Grossmutter vor lauter Zittern keine Bohnen mehr fädeln konnte. Sie lachten gemeinsam, wenn der Grossvater seine Finger nicht mehr strecken konnte und sie ihm helfen musste, die Schuhe zu binden. Sie mochte sie, die Alten, die gut Siebzigjährigen. Ihre Grosseltern wohnten bei ihr im Haus. Sie sassen, immer sassen sie: Vor dem Haus an der Sonne, unter dem Apfelbaum im Schatten, im Stübchen beim Eile mit Weile spielen, am Fenster und beim Gemüse rüsten. Nie gingen sie spazieren. Nie haben sie einen Ausflug gemacht. Sie waren alt. Unvergessen die Bemerkung «Wie der Maler Wüst von Grässlikon», wenn die Grossmutter ihre ersten Zeichnungen begutachtete, unvergessen das gemeinsame Lachen darüber. Sie lachten noch zusammen, als die Grossmutter vor lauter Zittern keine Bohnen mehr fädeln konnte. Sie lachten gemeinsam, wenn der Grossvater seine Finger nicht mehr strecken konnte und sie ihm helfen musste, die Schuhe zu binden. Sie mochte sie, die Alten, die gut Siebzigjährigen.

Heute ist sie selber alt, über siebzig. Sie wundert sich, wenn sie in der Küche steht und nicht mehr weiss, was sie da gerade wollte. Sie grübelt über Namen nach, wie hiess er nochmal, dieser Bekannte? Sie mag nicht mehr Velofahren, nicht mal mit dem E-Bike, sie fühlt sich dem Strassenverkehr nicht mehr gewachsen. Sie sitzt viel: Beim Spielen am Computer, beim Zeitunglesen am Computer, beim Bücherlesen im bequemen Sessel mit der ganz hellen Leselampe, im Zug unterwegs zu einer Freundin, am Bett von Kranken, auf der Bank am Fluss. Sie geht zu Fuss einkaufen, auch quer durch die Stadt, wenn es sein muss, sie hat ja Zeit. Sie ist gesund und munter, steht morgens ohne Schmerzen auf und schläft mehr als früher. Du bist doch nicht alt, sagen die andern, und sie fühlt sich manchmal wie zwölf und manchmal wie hundert Jahre alt. Trotzdem, sie ist alt, sie weiss das und sie weiss, dass ihre Tage gezählt sind. Jeden Tag leben, als wäre es der letzte, was für ein befreiendes Gefühl.

Sie will mit ihrem alten Bekannten abmachen, hat ihn schon länger nicht mehr gesehen. Solange er noch gearbeitet hatte, hatte er nie Zeit. Jetzt ist er pensioniert und hat noch weniger Zeit. Obwohl gut siebzig Jahre alt, arbeitet er jeden Tag, nimmt jeden Auftrag an, den er kriegen kann, nicht, weil er es finanziell brauchen würde, nein, weil er die Bestätigung braucht, dass er noch gebraucht wird. Und mit seiner Erfahrung kann er das ja sowieso besser als die Jungen. Zwischendurch schickt er ihr Fotos von Gipfelbesteigungen mit seinem Sohn, wäre ja gelacht, wenn er da nicht mehr mithalten könnte! Und natürlich spielt er auch immer noch an Konzerten, wieso auch nicht? Bloss Zeit für Freundschaften, für die Nachbarin um die Ecke, für den Obdachlosen in der Stadt, für den Einkauf für seine gerade nicht mobile Tochter, für das Sitzen an der Sonne, nein, diese Zeit hat er nicht. Dafür ist das Leben doch zu schade, und überhaupt, so alt kann er ja gar nie werden, dass er bloss mal auf der Bank sitzt und den Blättern zusieht, wie sie sich im Wind bewegen. Sie fragt ihn: "Wie geht es euch? Wie wäre es, mal gemeinsam irgendwo gemütlich zu sitzen und zu plaudern?" Er antwortet: «Uns geht es gut, aber ein Telefon wäre toll.»

Mit der ehemaligen langjährigen Arbeitskollegin und längst Freundin chattet sie ab und zu. Auch sie zu treffen für einen Schwatz quer durch die Schweiz – ein Ding der Unmöglichkeit. Die gute Frau, ebenfalls um die Siebzig, muss ihren kranken Partner pflegen, das Obst und Gemüse aus dem Garten verarbeiten und einlagern und für ihren Sohn waschen und kochen. Zudem arbeitet sie wieder soviel wie möglich, weil die Rente nicht zum Leben reicht. Abends ist sie so müde, dass es nur zum Fernsehen reicht, die Füsse tun sowieso weh, die Gelenke wollen auch nicht mehr, das Leben war schon immer ein Krampf und hat es noch nie gut mit ihr gemeint. Aber irgendwie wird es schon gehen, solange es irgendwie geht.

Ihr ehemaliger Nachbar, mit dem sie früher mal biken und wandern ging, geht jetzt auf die achtzig zu. Er ist immer noch regelmässig mit seiner Frau und dem Wohnmobil in ganz Europa unterwegs, für Wanderungen und fürs Biken. Seine Frau jammert zwar manchmal, weil sie die viele Wäsche waschen und für ihn kochen muss, aber wir haben es halt so toll zusammen. Wenn die Zwei mal zuhause sind, dann machen sie alles gemeinsam, immer im Duo-Pack! Er redet für sie, sie hängt ihm an den Lippen. Er erzählt von ihren tollen Unternehmungen und sie serviert den Tee. Vorgestern war er wieder beim Hausarzt, für die Überprüfung seiner Fahrtauglichkeit. Es hat geklappt. «Ein Leben ohne Auto wäre für mich eine einschneidende Veränderung.» Sagt er, ohne Ironie. Und sie denkt, wie überrascht dieser Alte wohl sein wird, wenn der Klimawandel ihn einholt.  Dabei dachte man doch, es gehealles immer so weiter wie bisher, einschneidende Veränderungen sind da nicht inbegriffen.

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