Wenn die Blätter farbig fallen

 

Bunte Blätter

Von Ruth Sara Meyer


Hellgelb, Löwenzahn, dunkelgelb, Zitrone, sonnengelb, Krokus, goldgelb, senfgelb, ocker, pastellgelb, Limone, korngelb, Sonnenhut, buttergelb, eigelb, Ginster, honiggelb, Butterblume, kurdgelb, Forsythie, ziegelgelb, Mais, golden, maron, Schokolade, kastanienbraun, erdbraun, beige, Walnuss, rostbraun, Sand, zimtbraun, caramelle, Mahagoni, rotbraun, Kaffee, rehbraun, dunkelbraun, hellbraun, hellgrün, Zypresse, waldgrün, olive, mint, Tanne, dunkelgrün, Basilikum, jade, Farngrün, pastellgrün, flaschengrün, Smaragd, moosgrün, Tomate, weinrot, Rost, blutrot, rosa, Paprika, blutorange, rubinrot, terracotta, bordeaux,

Das alles sieht sie, wenn sie auf den Boden schaut. Da liegen sie, die Blätter, und sie muss langsam gehen, weil der Hexenschuss sie plagt. Aufpassen, diese lästigen Herbstblätter auf dem Trottoir, auf der Treppe, überall liegen sie, hoffentlich rutscht sie nicht aus.

Da! ein Blatt wie eine Blutorange, bordeaux mit gelben Zacken, wunderschön, sie kann sich nicht bücken wie sonst und es aufheben. Ist aber auch egal, sie weiss es, kaum liegt es ein paar Stunden zuhause rum, wird es braun, wie alle anderen, am Schluss sind sie alle erdbraun, zuerst hell, dann immer dunkler, irgendwann zerkrümeln sie und es bleibt nichts übrig, weg mit dem Dreck.

Ja, die Blätter stören, sie stören den Tramverkehr, die Autos, die Fussgänger, und wenn die Laubbläser kommen auch die, die die Blätter eigentlich schön finden. Nämlich diejenigen, die am liebsten mit den Füssen durch die Blätterschichten streifen und glücklich dem Geräusch lauschen würden. Diejenigen, die den Impuls verspüren, einen riesigen Laubhaufen zusammenzuschichten und dann reinzuspringen. Ja, Herbst war mal Übermut, Fülle und goldfarbene Freude, mit dem ganzen Körper zu erleben, heute ist es nur noch ein Genuss für die Augen und wird sobald wie möglich weggeblasen.

Und dann folgt die laublose Zeit, kahle Bäume im Nebel, plötzlich sieht sie die Krähen auf den Ästen sitzen, bewundert die unterschiedlichen Ast-Formen, freut sich an Moos- und Efeu-Bewuchs. Sie erinnert sich an die klammen Finger, wenn ihr Vater die Obstbäume schnitt und sie die abgeschnittenen Zweige und Ästlein zusammensuchte und auf Haufen schichtete. Das war Brennholz für den Ofen oder Kompostzugabe.

Und nicht lange dauert es, und schon zeigen sich die ersten vorwitzigen hellgrünen Spitzen. Wie schön das aussieht! Und wie unterschiedlich lange es dauert, bis jeder Baum, jeder Strauch wieder in sattem, hellen Grün strahlen und wenn sich da vorher noch gelbe oder weisse oder hellrosa Blüten öffnen, dann blüht auch neues zartes Leuchten in in ihrem Herzen. Der Frühling, was für ein kraftvoller Neuanfang für das Laub.

Das Laub hat es gut, es macht sich keine Gedanken über seine Ahnen und Nachkommen.

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