Mein Begleiter, der Tod
Er ist immer da
Von Ruth Sara Meyer
Als sie 10 ist, ist er ein Versicherungsfall
Frühmorgens wird sie von ihrer Mutter geweckt. Wir fahren zu meiner Schwester, der Onkel ist in der Nacht tödlich verunglückt. Als die Eltern dann am nächsten Tag zurückkommen hört sie , wenn sie unerwartet in die Stube kommt, Worte wie: wegen dem Hund auf die Strasse gelaufen, weit weg geschleudert, der Hund hat überlebt, Alkohol natürlich, die Fahrerin fuhr schnell, kennst ja die Strasse da, kein Trottoir,
Der Tod hat zugeschlagen, bei ihrem Lieblingsonkel. Ihre Trauer versteckt sie tief in sich, zur Beerdigung fährt nur die Mutter. Über die Witwe, ihre geliebte Gotte wird kaum gesprochen, hat halt schon immer tief ins Glas geblickt, die Versicherung wird die Rente kürzen, sie hat ja schon immer für beide gearbeitet, arbeitet jetzt halt weiter, das Haus ist ja noch nicht mal fertig, was soll das werden? Das Haus, sie liebt auch das Haus, so halbfertig, wie es halt ist, von Grund auf selbst gebaut von ihrem Onkel, die Spaziergänge, wie er ihr die Quelle zeigte, ihr das Wildheuen erklärte und sie vor dem steilen Hang und dem Tobel warnte. Die tiefen Basstöne der Bündner Volksmusik, gespielt von einem Schwyzerörgeli, sie verbinden sich tief mit ihrer Trauer.
Der Tod hat das Schwyzerörgeli mitgenommen.
Als sie 18 ist, holt er ihren Freund
Sie hört es durch das offene Badezimmerfenster, die Wimperntusche verschmiert den türkisblauen Lidschatten, die Tränen kommen sofort. Die Nachbarin hat es ihrer Mutter erzählt, ihr bester Freund ist in den Ferien ertrunken. Sie wäscht sich das Gesicht, entfernt das missglückte Make-up und legt es mit zittriger Hand neu auf. Still geht sie aus dem Haus, die Mutter wünscht ihr eine tolle Party.
Sie trinkt die mitgebrachte Chianti-Flasche alleine leer, schläft dann irgendwann ein und schleicht sich frühmorgens nach Hause. Alle hatten es lustig. Keiner hat ihren Kummer gesehen. Der Tod ist fies, er hat ihr einen von den Liebsten genommen. Der Tod versteckt sich in der Ferne, hinterlässt kein Grab, keine Abschiedszeremonie, nur versteckte Tränen und ein riesiges dunkles Loch.
Als sie 23 ist, zieht er bei ihr ein
Der Kardiologe diagnostiziert, sie liest im Fachbuch nach: Letalität im Säuglingsalter 100 %. Ihr Kind, kaum geboren zum Tode verurteilt.
Der Tod hockt überall, am Anfang im Kinderbett, wenn sie nachts angstvoll nachschauen geht. Im Kinderspital auf der Intensivstation. In den Augen ihrer Mutter, wenn diese abwinkt, nein, keine Zeit, dieses Kind zu hüten. In der entsetzten Geste der Lehrerin, als sie den Primarschüler vom Turnen dispensieren lässt.
Als das Kind 17 ist, grinst der Tod sie an. Jetzt hab ich ihn, sagt er zu ihr. Aber die Schutzengel sind stärker. Das Kind überlebt schon wieder. Und jedes Mal, wenn sie später wieder eines ihrer neugeborenen Enkelkinder in den Arm schliesst, zwinkert sie dem Tod zu. Er ist ihr vertraut, sie hat sich mit ihm abgefunden. Er würde da sein, wenn es ihre Zeit sein würde. Bis dahin wird sie ihr Leben geniessen.
Als sie 44 ist, sieht er sie freundlich an
Sie steht auf und umfasst behutsam die Schultern der betagten Schwiegermutter. Sie weiss nicht, warum sie das tut, sie ist noch nicht lange am Bett gesessen. Auch ihr Sohn, der sie bei diesem Besuch begleitet, spürt ihn wohl und ergreift die Hand seiner Grossmutter.
Die alte Frau entspannt sich, atmet mit einem wohlklingenden langgezogenen Ton aus und dann ist er da und schaut sie freundlich an. Ja, der Tod kann auch erlösen, ganz sanft. Sie ist ihm dankbar.
Als sie 45 ist, wird er versöhnlich empfangen
Die gleichaltrige Freundin ist gestorben, 30 Jahre waren sie befreundet. Ein hässlicher schnell voranschreitender Darmkrebs war die Ursache. Nachdem die Freundin sich von allen, die ihr wichtig waren, versöhnlich und heiter verabschiedet hatte und sich mit ihrem Ehemann, mit dem sie um die halbe Welt gereist war, noch einen letzten Reisewunsch, wenn auch nur einen Tag nach Luzern, erfüllte, starb sie still und gelöst in ihrem Bett. So hat es ihr der Ehemann erzählt.
Sie hatte ausgerechnet in dem letzten halben Jahr keine Zeit für ihre Freundin gehabt, sich gewundert, dass diese sich nie meldete. Sie hat den Tod verpasst. Sie konnte die Trauer mit dem Ehemann teilen und von ihrer Freundin langsam Abschied nehmen. Was ihr bleibt, ist die Geschichte vom liebevollen, versöhnlichen Sterben und viele viele gemeinsame Erinnerungen, die sie in ihrem Herzen trägt.
Als sie 52 ist, wird er heilig gesprochen
Ihre Nachbarin liegt im Sterben, sie ist wütend. Wütend auf den Krebs, den sie seit 28 Jahren bekämpft, auf die Ärztin, die sie nach dem letzten Krankenhausaufenthalt ins Pflegeheim überwiesen hat und vor allem ist die Nachbarin wütend auf sie, die jetzt neben dem Bett mit dem Laptop sitzt. So wie sie in den letzten Monaten zuhause noch regelmässig bei der Nachbarin sass, nachdem sie das Falsche eingekauft und den Schimmel in der Küche entfernt hatte, sich durch Berge von Papieren durchgewühlt hatte, um die längst fällige Rechnung zu finden und der mittlerweile über Siebzigjährigen den blöden Fernseher wieder neu eingestellt hatte. Jetzt sitzt sie da und ist schuld, weil der Tod in der Ecke lauert und sie wartet darauf, dass die Nachbarin aufhört, sie zu beschimpfen.
Die Nonne, die täglich für zwei Stunden vorbeikommt, macht ihr auch Vorwürfe. Wie können Sie! Der Computer! Hier! Das Sterben ist heilig! Nun, sie hat halt zu arbeiten, sie sitzt ja nur hier als Blitzableiter und um im richtigen Moment die schonungslos ausgenutzte Tochter der Nachbarin zu rufen, sobald der heilige Tod sich erbarmt. Das klappt auch wunderbar, ihre Haare sind frisch geschnitten und als sie zurückkommt, stehen da der Arzt und die entlastete Tochter Die letzten Minuten hatten wohl tatsächlich etwas Versöhnliches an sich. Sie kümmert sich jetzt um die Bürokratie, die so ein Tod mit sich bringt und trinkt mit der Tochter einen Cognac.
Als sie 65 ist, legt er sich zu ihr ins Bett
Das Herz! Ein beklemmendes Gefühl in der Brust. Schmerzen in den Armen. Das wirds dann wohl gewesen sein, denkt sie, spätabends in ihrem Bett liegend. Und sie erinnert sich an die Worte einer alten weisen Frau vor vielen Jahren, die sagte, sie wolle ihren Tod wach erleben. Sie sei neugierig, was da passiere, das wolle sie nicht verschlafen. Genau, jetzt liegt sie da und schaut den Tod an. Komm schon, zeig mir wie es geht. Der Tod hat keine Lust.
Als sie 68 ist, setzt er sich beim Velofahren auf den Gepäckträger
Sie fährt hinter ihrem Mann, doofe Einmündung, viel Verkehr, sie ist gestresst. Statt locker geradeaus zu fahren, reisst sie den Lenker nach links. Zum Glück kommt kein Auto. Sie ist verunsichert. Noch zweimal danach beobachtet sie denselben Reflex. Dann reicht es ihr. Du bist mir noch nicht willkommen, sagt sie liebevoll zum Tod und verschenkt das Velo und geht von nun an zu Fuss. Du spinnst, du bist doch noch fit, sagen die anderen fitten Sechziger. Der Tod klopft ihr freundschaftlich auf die Schulter, ganz schön schlau bist du, grinst er.
Als sie 70 ist, streikt er
Im Frühling hat die demente fast hundertjährige Mutter sechs Wochen lang geredet, Zuerst in Panik, wo bin ich? Wohin geht es nach Hause? Zeig mir den Weg! Warum hilft mir keiner? Nach ein paar Tagen dann entspannter, es geht um ihre Geschwister, um Nachbarinnen, sie erzählt fast pausenlos, springt durch die Zeiten. Sie zeigt ihrer Mutter das Foto ihres Vaters, des geliebten Ehemannes der Mutter (vor über 30 Jahren hat sein Tod bei der Mutter eine nie versiegende Trauer ausgelöst). Diese sagt, den kenne ich nicht. Die Mutter verabschiedet sich von allen, begrüsst ihren längst toten Bruder hinter ihrer am Bett sitzenden Tochter, streckt die Arme nach einer längst toten Freundin aus. Sie will aufstehen und mit dem Bruder mitgehen und schreit die Tochter an, weil sie ihr nicht helfen kann. Am Geburtstag ihres Vaters im Frühsommer hört die Tochter die letzten zusammenhängenden Sätze von ihrer Mutter.
Und jetzt, im Herbst, nochmals vier Monate später, weiss sie, die Mutter kann noch reden. Die Mutter beschwert sich, dass der Zucker im Kaffee fehlt. Sie schaut ab und zu Blumen an und findet sie schön. Sie liegt friedlich und, wie es scheint, zufrieden da. Sie kann noch nicken und den Kopf schütteln. Meistens schliesst sie die Augen und stellt sich schlafend, wenn sie jemanden ins Zimmer kommen hört. Wenn die Tochter da ist, sucht die Mutter immer wieder ihre Hand. Einmal summt sie sogar ein Lied mit, wenige Töne, nicht präzis aber immerhin. Mutters Reflexe funktionieren, Sie öffnet den Mund, wenn eine Hand in die Nähe ihres Gesichtes kommt, sie schluckt, die Pflegenden sagen, sie isst. Sie führt den Becher zum Mund und trinkt gierig und vergisst dann sofort, dass sie einen Becher in der Hand hält. Sie liegt im Bett und kann bloss noch die Arme und den Kopf bewegen. Sie schaut verträumt zur Decke, verzieht das Gesicht wie ein Baby, dann greift sie sich in die Windel und spielt mit dem Kot.
Der Tod aber, er verdrückt sich. Nur die Toten sind hier, er nicht. Na komm schon, alter Freund. Die Tochter fleht ihn an, die Mutter ist bereit. Der Tod aber streikt. "Sie hat die Eintrittskarte in den Himmel verlegt", sagt eine Pflegerin.