Erinnerungen bei einem Spaziergang
Heiterkeit im Keller
Von Ruth Sara MeyerSie stehen im Keller und küssen sich lachend. Hier warst du noch nie, sagt er.
Sie kichert. Stimmt, den durftest du mir schon mal endlich zeigen. Deine frisch Angetraute hat mir ja stolz eure Wohnung gezeigt. Nur das Schlafzimmer hat sie ausgelassen, aber ist egal, das kenne ich ja schon.
Er nickt und zieht sie an sich. Sie wollte halt unbedingt, dass ich dich zum Abschied aus unserem Verein privat zu uns zum Essen einlade. Ich fand keinen plausiblen Grund, das nicht zu machen. Sei schön brav beim Essen, ich bringe dich danach dann zum Bahnhof.
Sie nickt. Übermorgen bin ich nachmittags allein zuhause. Er ergreift mit einer Hand eine Flasche Wein, streichelt mit der anderen Hand eine ihrer Brustwarzen und sagt: Um 15 Uhr sollte ich da sein. Aber jetzt müssen wir rauf, soviel gibt es da unten nicht zu zeigen.
In ein Gespräch über die Vorteile eines Naturkellers vertieft treten sie ins Wohnzimmer, wo die Gastgeberin ahnungslos auf den Wein wartet.
Vor vierzig Jahren war das, und es fällt ihr ein, als sie, die Sonne suchend, auf einem Hügel über dem Nebel stehen und sie von weitem das Dorf sieht, wo das Haus stand, das Haus mit dem Schlafzimmer und dem Weinkeller. «Schöne Lage, sagt ihr Mann zu ihr. Aber in so einem Kaff wollte ich nie wohnen, da wissen doch immer alle, was die Nachbarn so treiben.» Etwas irritiert schaut sie ihn an, kann er ihre Erinnerungen lesen? Sie zuckt mit den Schultern und wendet sich ab. Ob er wohl auch solche Geheimnisse hat? Sie wünscht es ihm, und hofft, dass die Nachbarn damals nicht zuviel gesehen haben.
Dann lacht sie ihn an, küsst ihn auf die Wange und sagt: „Ich habe jetzt Lust auf ein Glas Wein.” Er schüttelt den Kopf und erinnert sie daran, dass jetzt Sauser-Saison sei und das genau das Richtige wäre. Sie nickt, schmiegt sich an ihn und in bestem Einvernehmen spazieren sie weiter.