Worüber eine Alte sich aufregt

 

Hueregopfertellinomal!

Von Ruth Sara Meyer

Der erste Herbststurm ist da, angesagt mit Sturmwarnung, der Regen peitscht ans Fenster, heftige Sturmböen zerzausen die Bäume, an denen die goldenen Blätter hängen und jetzt herumwirbeln. Sie sucht die Regenhose hervor und packt sich einigermassen regendicht ein, der Termin kann nicht warten.

Als sie aus dem Haus tritt, ist der Starkregen offenbar fürs Erste vorbei, der Wind hält sich in Grenzen. Der betagte Nachbar trippelt vorsichtig mit dem Schirm um die Ecke, das ganze Trottoir ist farbig übersät mit nassen grossen Blättern, langsam und doch zielstrebig hält er auf den Hauseingang zu, geschickt den Scbirm gegen Wind balancierend.

Etwas weiter vorne fegt ein junger Mann vor einem Coiffeur-Salon schon entschlossen die Blätter weg. Die blätterfreien paar Quadratmeter scheinen ihm zu gefallen, was er sich denkt, ist ihr ein Rätsel, es ist noch mehr Wind angesagt in den nächsten paar Stunden und die Menge von nassen Blättern ist riesig, sieht aus wie ein farbiges rot-gelb-grün-braunes Meer, ein wunderschönes Kunstwerk unter ihren Füssen.

Schon von weitem sieht sie auf dem Parkplatz ein dunkelblaues kleines Auto, aus dessen Fenster auf der Fahrerseite ein Knirps hinausgestreckt wird, der Wind hat den Schirm umgedreht und jemand versucht offenbar, einen Windstoss zu erhaschen, der den Schirm wieder umdreht, und dieser jemand sitzt im Auto und will nicht nass werden. Leicht amüsiert nähert sie sich, und genau, als sie hinter dem Auto vorbeispaziert, hört sie eine alte Frauenstimme rufen Hueregopfertellinomal!

So viel Ärger wegen dem umgedrehten Schirm. Sie geht weiter und denkt: «Hueregopfertellinomal!, schon wieder ein Femizid, und wieder viele Tote, Folteropfer, hungernde Kinder, ein verheerendes Erdbeben, und die Schlammlawine, die sie gestern in den Nachrichten gesehen hat, und das Artensterben bei den Insekten, und ja, Hueregopfertellinomal!»

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