vom Ende einer Freundschaft
Schläge
von Ruth Sara MeyerDie Ohrfeige sass. Sie war schon seit Wochen dünnhäutig gewesen, alles war zu viel. Und dann kam er, ausgerechnet er, und beleidigte sie. Das war zu viel, so etwas musste sie sich nicht sagen lassen. Nach fast zwanzig Jahren bester Freundschaft.
Sie kannte ihn, seit sie neunzehn war. Sie hatten zusammen Musik gehört, endlose Gespräche über sehr persönliche Dinge geführt, er war ihr Trauzeuge, sie mit den Kindern sein Familienersatz. Sie dachte, sie wüsste alles über ihn, weil er so viel Zeit mit ihnen verbrachte. Aber dann hatte er sie beleidigt. Und sie hatte ihm in ihrer Empörung eine Ohrfeige gegeben. Er verliess wortlos die Wohnung, kam nie wieder, alle Versuche, sich zu entschuldigen, blieben erfolglos. Sie flehte ihn an, sei doch nicht so, ich war einfach blöd, darüber kann man in einer Freundschaft doch lachen. Er antwortete nie, 30 Jahre lang blieb die Sehnsucht nach dem verlorenen Freund bei ihr.
Vor zwei Wochen hat sie ihn zufällig bei Bekannten getroffen. Inzwischen sind sie beide alt. Er hat zögernd eingewilligt, sie privat zu treffen. Ein paar Stunden sind sie zusammen gesessen, haben geplaudert über das Alter und ihr Leben in den letzten 30 Jahren, in denen sie nichts voneinander erfahren haben. So viel zu erzählen, und es hat sich angefühlt wie wieder jung sein.
Als er aufbricht, schon fast draussen, nach der Verabschiedung, sagt er zu ihr: «Ich bin als Kind von meinen Eltern mit dem Teppichklopfer, mit dem Gürtel, mit den Fäusten, mit allem verprügelt worden. Wie kann man das einem Kind antun? Ich habe mir geschworen, mich nie wieder schlagen zu lassen.»
Erstarrt schaut sie ihm nach. Das hast du mir nie erzählt, ich dachte, ich wisse alles über dich. Aber er ist schon weg und sie steht da, schaut ins Leere. Und versteht. Endlich.