wenn ich das wüsste
Wie geht es mir?
Von Ruth Sara Meyer
«Wie geht es Dir?» Die Nachbarin, sie fragt mich und ist sichtbar in Eile. Meine Antwort: «Gut, ich kann nicht klagen. Und Dir?» Sie: «Alles ok, wie immer halt. Ich muss weiter, tschüss!»
«Wie geht es Dir?» Eine Frage im Chat von einer alten Bekannten. Meine Antwort: «Danke für die Nachfrage, mir geht es gut. Das Altersübliche halt, es zwickt ja schon hier und da und dort, aber ich bin ganz zufrieden.»
«Wie geht es Dir? Mir geht es gut.» Die afrikanische Schülerin, die alle Nachrichten so beginnt. Darauf braucht es keine Antwort, sondern meine Nachfrage, welches Anliegen sie gerade habe.
«Wie geht es Dir?» Der Sohn im Chat. Meine Antwort: «Danke für Deine Nachfrage. Heute habe ich viel vor. Ich bin froh, dass ich noch so viel unternehmen kann. Du brauchst dich um mich nicht zu sorgen.»
«Wie geht es Dir?» Der Kollege im Verein. Meine Antwort: «Es geht, es muss. Ist ja nicht so, dass die aktuelle Lage eitel Freude bereitet.»
«Wie geht es Dir?» Die Freundin, mit der ich gerade einen Kaffee in der Stadt trinke. Meine Antwort: «Du ja, es ist schon stiller geworden um mich herum. Wenn ich mich nicht melde, meldet sich kaum jemand bei mir. Die Arbeitskollegen von früher, sie sehe ich gar nicht mehr. Und die Kinder sind sehr beschäftigt. Die Enkel interessieren sich nicht für ihre Grossmutter, so ist der Lauf der Welt.»
«Wie geht es Dir?» Meine Cousine am Telefon. Meine Antwort: «Danke, so wie immer halt.» Sie erzählt von ihren Gebresten, von der neuesten schlechten Diagnose. Und ich antworte: «Ja, was willst du? So ist es halt im Alter. Ich bin bald blind und höre schlecht, kann keine Bücher mehr lesen und einen Hörapparat kann ich mir nicht leisten. Und weisst du, es hilft mir ja niemand, obwohl ich kaum mehr längere Strecken gehen kann und das Einkaufen ist jedes Mal eine endlose Qual.»
Wenn meine Gedanken auf die Frage, «wie geht es Dir?» gelesen werden könnten, würde Folgendes da stehen:
Was will diese Person von mir hören? Was sage ich ihr? Wie soll es mir schon gehen? So genau weiss ich das doch selbst nicht. Was sage ich bloss, damit diese Person mit mir zufrieden ist? Meine Füsse tun weh, mein Rücken zwickt. Meine Augen sind trocken und ich glaube, ich sollte mal zum Hörtest. Meine beste Freundin hat neuerdings Krebs, und ich mag mir nicht ihr Gejammer anhören. Meine Kinder melden sich fast nie, die haben alle so viel zu tun. Meine Enkel interessieren sich nicht für ihr Grosi. Manchmal frage ich mich, was ich falsch gemacht habe in meinem Leben. Aber egal, die anderen haben mich auch nicht gut behandelt und man kann ja nichts dafür, wenn man oft krank war. Das Leben ist halt ein Kampf, man muss schauen, dass man irgendwie durchkommt. Anderen Menschen kann man ja kaum trauen, die denken auch nur an sich selbst. Ich habe getan was ich konnte, habe alles richtig gemacht. Leider habe ich keine Freunde mehr, aber die waren es auch nicht wert, Freunde zu sein. Und meine Tochter will nichts mehr von mir wissen, dabei hab ich mich für meine Kinder aufgeopfert. Undankbar sind die Menschen. Aber da kann man nichts machen. Und überhaupt, was da grad so auf der Welt läuft, macht Angst. Was soll ich jetzt bloss antworten?