WeissVom Säugling bis ins hohe Alter entwickelt sich das Ich und sein Bewusstsein von sich selbst weiter, die Persönlichkeit eines Menschen bzw. sein Charakter reifen. Lange hat man geglaubt,

diese Reifung sei mit Erreichen des Erwachsenenalters abgeschlossen. Heute weiss man, dass die Reifung bis zum letzten Atemzug andauern kann.

Entwicklungswellen: Stufen der Ich-Entwicklung

Schon lange gibt es Modelle, die diese Reifung beschreiben. Was mit Piaget begann, ging weiter mit den moralischen Entwicklungsstufen von Kohlberg.

Jane Loevinger hat ihr Ich-Entwicklungsmodell in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt. Thomas Binder ('Ich-Entwicklung für effektives Beraten' 2016) beschrieb das Ich-Entwicklungsmodell nach Loevinger und konnte aufzeigen, dass es durch viele Studien empirisch untermauert werden kann. Susanne Cook-Greuter hat den Test von Loevinger weiterentwickelt und beschreibt in diversen Videos auf youtube die Entwicklungsstufen sehr anschaulich und mit Beispielen illustriert.

Markus Fischer schreibt in seinem Buch 'Die neue gewaltfreie Kommunikation' 2021 statt von Entwicklungsstufen auch von Entwicklungswellen. Dieses Wort gefällt mir.

Inzwischen haben auch die Organisationsentwicklung und das Führungscoaching diese Modelle aufgegriffen und in das systemische Coaching integriert.

 

Wozu sind diese Modelle gut?

Alle Menschen durchlaufen die ersten Entwicklungswellen. Aber nicht alle entwickeln sich gleich schnell und gleich weit weiter. Ungefähr 10% der Erwachsenen können der Stufe 2 zugeordnet werden. Weitere 75% befinden sich auf den Stufen 3-5. Rund 12% der Erwachsenen können den Stufen 6-7 und nur rund 3 % den Stufen 8-9 zugeordnet werden. 

Da wir in jeder Entwicklungswelle anders argumentieren und bewerten, mehr oder weniger selbstkritisch und relativierend sind und unterschiedlich integrierend/polarisierend wirken, verstehen wir nicht alle Menschen gleich gut. Viele Individuen neigen dazu, die Stufen unter sich abzuwerten, die haben sie hinter sich gelassen, glauben sie - während sie die Stufen über sich gar nicht sehen und verstehen können.

Die Realität ist, dass wir alle alle früheren Stufen in uns tragen und manchmal wirken Themen aus früheren Entwicklungsstufen in uns hemmend oder wir haben Teile in Verbindung damit verdrängt.

Aus unterschiedlicher Perspektive sehen wir dann die Ereignisse und Entwicklungen unterschiedlich - schon ab Entwicklungswelle 5/6 können wir dies in geringem Masse auch selbst und an uns selbst wahrnehmen.

Wenn wir dies alles wissen, können wir erkennen, welche Entwicklungswelle bei einer anderen Person gerade im Vordergrund steht und sie entsprechend begleiten.

 

Entwicklungsstufen nach Loevinger und Cook-Greuter

1 Präsozial-symbiotische Stufe

Keine Unterscheidung zwischen Ich und Umwelt und zwischen belebt und unbelebt. (Binder S. 35)

Das sogenannt magische Denken dominiert. Das Kind glaubt, dass Mama oder Papa das zerbrochene Glas wieder heil machen können und dass es mit seinen Gedanken direkt die Umgebung beeinflussen kann.

Gemäss Fischer nehmen wir aus dieser Stufe die Bedürfnisse nach Schutz, Überleben und Geborgenheit mit (S. 90)

2 Impulsgesteuerte Stufe

erste Abgrenzung zur zentralen Bezugsperson, ungehinderter Ausdruck der eigenen Impulse und Bedürfnisse (Binder S. 35)

Cook-Greuter nennt dies impulsiv (Impulsiv).

3 Selbstorientierte Stufe

selber machen und die eigenen Vorteile stehen im Vordergrund, erstes Befolgen von Regeln, Ursachen und Schuld werden ausserhalb sich selbst verortet (Binder S. 35)

Lob und Bestätigung sind wichtig, Aufmerksamkeit und Wohlwollen, damit sich das Ego gesund entwickeln kann.

Cook-Greuter nennt dies selbstschützend (Opportunist).

Gemäss Fischer nehmen wir aus den egozentrischen Stufen 2 und 3 die Bedürfnisse Selbstvertrauen und Selbstwert mit (S. 92).

4 Gemeinschaftsbestimmte Stufe

Identifikation mit einer Bezugsgruppe, einfache Kategorien von richtig oder falsch, Äusserlichkeiten sind wichtig (Binder S. 36).

Wichtig ist die Frage, wo man sich zugehörig fühlt. Um zur Gruppe dazuzugehören, unterwirft man sich Regeln und versucht, nicht unangenehm aufzufallen.

Cook-Greuter nennt dies konformistisch (Diplomat). Es geht hier um Regeln.

Gemäss Fischer nehmen wir aus der konformistischen Stufe das Bedürfnis nach Zugehörigkeit mit (S. 95).

5 Rationalistische Stufe

Erwachen der inneren Stimme, Interesse für das eigene Innenleben, erstes Hinterfragen von Verhalten (Binder S. 36f)

Es geht um Verstehen, um Verstand und Logik. Man untersucht die Dinge und will sie erklären. Der Blick auf die Welt und die Bezugspersonen wird distanzierter, es wird nach logischen und rationalen Masstäben und Gesetzen analysiert.

Cook-Greuter nennt dies selbst-sicher (Spezialist, expert). Sie benennt speziell Objektivität und Rationalität.

Gemäss Fischer nehmen wir aus der rationalistischen Stufe die Bedürfnisse nach Verstehen, Ordnung und Struktur mit (S. 99).

6 Eigenbestimmte Stufe

unabhängiges eigenes Ich, Verantwortungsgefühl, Selbstreflexion und Selbstkritik, längerfristiger Zeithorizont (Binder S. 36)

Aktuell wird im Westen diese Stufe zur Zielstufe erhoben. Rational kompetente und unabhängige Erwachsene, die mit ihren mentalen Fähigkeiten und zielbezogenen Kompetenzen unsere Zivilisation und die demokratische Regierungsform ermöglichen und stützen, sehen wir als reife Menschen. Das Verfolgen von Ergebnissen, langfristigen Zielen, eine starke Zukunftsorientierung, Selbstverantwortung und die Bereitschaft, Initiative zu ergreifen, sind typische Merkmale.

Cook-Greuter nennt dies selbstbewusst (Leistungsmensch, achiever). Sie unterstreicht die Bedeutung von langfristigen Zielen, Selbstverantwortung, Initiative ergreifen, Ursachen feststellen, Leistung, Fairness und Verträgen.

7 Relativierende Stufe

breiterer Blick auf die Individualität der Menschen, Entstehen von Subjektivität und Toleranz, Bewusstsein für Prozesse und Entwicklung (Binder S. 37)

Menschen auf dieser Stufe haben Selbstzweifel, fragen sich, wer sie wirklich sind. Sie sehen jedes Individuum als einmaliges Individuum. Sie erkennen, dass der Prozess ebenso wichtig ist wie das Ergebnis.

Cook-Greuter nennt dies individualistisch (Pluralist). Ihre Worte dazu: Wahrheit ist nicht die ganze Wahrheit, nicht mehr wissen was gilt, andere Meinungen sind auch wichtig, Intuition/Körper/Träume sind ebenfalls Informationslieferanten.

Gemäss Fischer nehmen wir aus den von ihm pluralistisch genannten Stufen die Bedürfnisse nach Verstanden- und Gehört-Werden sowie Toleranz, Individualismus und Gleichberechtigung mit (S. 102).

8 Systemische Stufe

Andersartigkeit und Bedürfnis nach Selbstbestimmung von Anderen werden voll akzeptiert, Bewusstsein und Aushalten von inneren Konflikten und Widersprüchen, breitere Sicht auf die Welt und Wunsch, sich weiter zu entwickeln  (Binder S. 37).

Cook-Greuter nennt dies autonom (Synthetiker). Sie unterstreicht die Bedeutung von Vergangenheit und Zukunft, Nachhaltigkeit und Langzeit-Konsequenzen. Meine eigene Theoriebildung mündet darin, dass ich Geschichten erzähle und meine Geschichten ändern sich laufend. Ich bin frei von früheren Geschichten und akzeptiere mich so wie ich jetzt bin. Ich akzeptiere und verstehe empathisch, dass unterschiedliche Menschen unterschiedlich sind.

9 Integrierte Stufe

Stufe der Selbstverwirklichung, fortlaufende Weiterentwicklung aufgrund neuer Bewertungen und Reflexion  (Binder S. 38)

Cook-Greuter nennt dies konstruktbewusst (Synergist, magicien). Sie bezeichnet jemanden auf dieser Stufe als Alchemist, als high level consultant, der andere transformational begleiten kann und häufig auch Überbringer von schlechten Nachrichten ist. Sie unterstreicht die Einsamkeit dieser Position.

10 Fliessende Stufe

Loevinger beschrieb 9 Stufen, stellte aber fest, dass es wohl keine Begrenzung nach oben gebe und die Ich-Entwicklung immer weiter fortschreite. Binder beschreibt diese offene Stufe als sich Einlassen auf den Fluss des Lebens (Binder S. 281)

Zu dieser Stufe gehört das tiefe Wissen darum, dass nichts bleibt wie es ist und Anhaftung überwunden werden kann.